Andacht Jahreslosung 2021

  • erstellt 04.01.2021

Andacht Jahreslosung 2021

 

Kantorin Katrin Wissemann (siehe auch: "Kirchenmusik") hat zur Begleitung ein Musikstück eingespielt, die wir für Sie eingebettet haben - einfach auf "Play" drücken...

Einspieler „Wie schön leuchtet der Morgenstern“



Liebe Leserinnen und Leser!
Hinter dem Wort „Losung“ aus der christlichen Binnensprache steht so etwas wie „Leitmotiv“. Das kann für den Tag sein, etwa durch das Herrenhuter Losungsbüchlein, oder einen Abreißkalender mit einem biblischen Wort für den Tag, das man bedenken kann, und das trösten und stärken soll. Aber es gibt Vergleichbares auch außerhalb des unmittelbaren religiösen Kontextes, etwa als Sinnspruch eines Dichters oder einer Dichterin oder aus der Philosophie.

Es gibt aber auch Losungen/Sinnsprüche für ein ganzes Jahr. An der Schwelle des Jahres 2021 ist es ein Wort der Bibel, genauer aus dem Lukasevangelium:

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Lukas Kap. 6, Vers 36)“

Barmherzig sein ist kein so gängiges Wort. In unseren Zeiten gelten andere Regeln und Werte. Manche haben Gesetzeskraft, andere müssen im Alltag trotzdem befolgt werden wie etwa jetzt in Zeichen der Pandemie. Regeln, die uns normalerweise zuwider sind wie Kontaktverbote, im großen wie im kleinen, oder etwa die Frage wer den Impfstoff zuerst bekommen soll, nachdem es endlich einen Hoffnungschimmer in diese Pandemie gibt.

Was ist Barmherzigkeit? Zuerst heißt es in dem Vers, das der Vater im Himmel barmherzig ist, wir also selbst etwas erfahren, bevor wir es weiter geben sollen. So wie wir Liebe am ehesten dann weiter geben können, wenn wir sie selbst erfahren haben. Haben wir keine Liebe erfahren, etwa als Kind, wird das schwer.

Der Vorsitzende der EKD Heinrich Bedform-Strohm schreibt zur Barmherzigkeit:


„Viele Erfahrungen sprechen dafür, dass es die Sprache der Barmherzigkeit gegenwärtig schwer hat. Wer irgendeinen Fehler macht, wird in den sozialen Netzwerken zuweilen geradezu hingerichtet. Unerbittlichkeit, Häme und Hass verdrängen alle Barmherzigkeit.
Die Rettung der Flüchtenden auf dem Mittelmeer kommentieren Manche mit dem Tenor: Lasst sie ertrinken, denn sie sind selber schuld, wenn sie sich in eine solche Lebensgefahr begeben. Das ist Ausdruck menschlicher Kälte und himmelweit weg von dem Wort Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (so zu lesen auf der homepage der EKD)


Vielleicht machen wir noch einen anderen Diskurs. Mehr als „barmherzig“ ist das Wort „gerecht“ in unserer Sprache und hoffentlich auch in unserem Handeln präsent. Wer ungerecht handelt, verstösst gegen geschriebene und ungeschriebene Regeln. Das wird meist bestraft oder mindestens geächtet. Wer möchte schon ungerecht behandelt werde. Und wo es geschieht, wir die Ungerechtigkeit auch sehr empfunden. Aber kann alles nur nach dem Recht gehen? Und was hat mit Barmherzigkeit zu tun?
Mich hat in meinen ersten Amtsjahren eine Geschichte beeindruckt, die so in den USA wirklich passiert sein soll:  Ein Bettler hat ein Brot gestohlen und ist erwischt worden. Er kommt vor den Richter und der macht im deutlich, dass er keine Wahl hat, als den Diebstahl nach Recht und Gesetz abzuurteilen. Da der Bettler geständig ist, fällt die Strafe nicht zu hoch aus. Es ist nur eine Geldstrafe von 20 Dollar. Der Richter fällt das Urteil und begründet es kurz. Zum Erstaunen allerdings nimmt er dann seinen Hut und sagt: Alle anderen hier im Gerichtssaal verurteile ich zu einer Geldstrafe von einem 1 Dollar, weil wir in einem Land leben wo ein Mensch für Brot stehlen muss. Der Gerichtsdiener zieht im Auftrag des Richter sie Strafe sofort ein und sammelt sie in den Hut. Am Ende verlässt der verurteilte Bettler den Gerichtssaal mit fast 50 Dollar und kann es kaum fassen. Er hat Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erfahren.
Wir müssen dieses Handeln in unsere Zeit übersetzen. Wir dazu haben wir das ganze Jahr Gelegenheit. Viele haben es schon im letzten Jahr getan, in dem sie anderen Menschen eine Freude, oder etwas Gutes getan haben, die sich bis zur Erschöpfung für andere eingesetzt haben. Oder die anderen eine Freude durch Musik oder eine Botschaft ermutigt haben, etwa in einem Seniorenzentrum oder in der Nachbarschaft. Oder die andere nach einem Tod zu trösten versuchen. Überall dort schimmert „Barm-Herz-igkeit“ auf. Also vergesst das Herz nicht ...und bleibt gesund!

Joachim Knitter