Barmherzigkeit – anderen gegenüber und sich selbst

  • erstellt 10.01.2021
  • aktualisiert 10.01.2021

 

Kantorin Katrin Wissemann (siehe auch: "Kirchenmusik") hat zur Begleitung zwei Stücke eingespielt, die wir für Sie eingebettet haben, eins zu Beginn und eins gegen Ende - einfach auf "Play" drücken...

Einspieler „Jesus is Kommen (Orgel)“

 

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude, nun springen die Bande,
der starke Erlöser,
der Fürste des Lebens,
der König der Ehren,
ein Opfer für Sünden,
die Quelle der Gnaden,
die Ursach zum Leben
Jesus ist kommen, sagts aller Welt Enden.

Das ist Epiphanias, das ist das Programmlied der Epiphaniaszeit, zusammengefasst mit den jeweils ersten Zeilen seiner Strophen. Das Lied von Johann Ludwig Konrad Allendorf sprüht vor Begeisterung über das, was wir da feiern, dass sich der Sohn Gottes unter uns zeigt. Und es singt davon, wie er sich zeigt.

Mir persönlich ist die Epiphaniaszeit, also die Zeit, in der wir uns kirchenjahreszeitlich gerade befinden, eine besonders liebe. Nach der Adventszeit und dem Warten auf das Kommen des Gottessohnes und Weihnachten mit der Feier der Menschwerdung stehen jetzt im dritten Teil des Weihnachtskreises solche Geschichten im Mittelpunkt, in denen Jesus als der Sohn Gottes erkannt wird. Eine Epiphanie ist eine Gotteserscheinung. Epiphanias ist das Erscheinungsfest.

Die Zeit beginnt an Epiphanias mit den Magiern aus dem Osten, die in diesem Kind in Bethlehem den verheißenen König erkennen und geht weiter mit der Taufe Jesu am 1. Sonntag nach Epiphanias, wenn die Stimme aus dem Himmel spricht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Am 2. Sonntag nach Epiphanias überzeugt er seine Jünger auf der Hochzeit zu Kana und sie glauben an ihn. Am 3. staunt Jesus selbst über den Glauben des Hauptmanns von Kapernaum bis am letzten Sonntag nach Epiphanias mit der Geschichte von der Verklärung Jesu und der Begegnung mit Mose und Elia für die anwesenden drei Jünger die Sendung Jesu unverhüllt dasteht.

Der jetzige Sonntag steht unter dem Zeichen der Taufe Jesu (Mt 3,13-17). Es ist der erste, kurze Auftritt Jesu in der Öffentlichkeit. Danach geht er in die Wüste, um über diese Worte aus dem Himmel nachzudenken: „Dies ist mein Sohn.“

Was heißt das: Sohn Gottes? Und vor allem, was heißt das für uns. Allendorf gibt viele Antworten:

Sprenger der Bande, starker Erlöser, Fürste des Lebens, König der Ehren, Opfer für Sünden, Quelle der Gnaden, Ursach zum Leben.

Das ist die Grundlage, auf der wir den Predigttext hören, einen Abschnitt aus dem Brief „an alle Geliebten Gottes in Rom“ aus dem 12. Kapitel. In 11 Kapitel hat der Apostel Paulus seine Theologie entfaltet und von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes gesprochen. Er hat diesen Abschnitt abgeschlossen mit einem Lobpreis über die Weisheit Gottes.

Jetzt wendet er sich direkt an seine Leser*innen und zieht daraus Konsequenzen.

Wir lesen in der „Bibel in gerechter Sprache“ von 2006:

1Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene.

3Erfüllt von der Zuneigung Gottes, die mir geschenkt wurde, sage ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben.

4Denkt an unseren Körper. Er ist eine Einheit und besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. 5So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen. 6Wir haben jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden:
Wer die Gabe hat, prophetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu machen, welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht. 7Wer die Gabe hat, für andere zu
sorgen, nutze sie zum Wohl der Gemeinschaft. Wer die Gabe hat zu lehren, nutze sie, um andere am Wissen teilhaben zu lassen. 8Wer die Gabe hat zu trösten, nutze sie, um andere zu ermutigen. Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei. Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus. Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.

Paulus beginnt mit einer Ermutigung: ihr seid erlöst, befreit.

Gott hat uns so geliebt, dass er seinen Sohn gesandt hat, zu unserem Heil. 11 lange Kapitel hat Paulus das entfaltet. Gott hat sich der Menschen erbarmt, deshalb hat er seinen Sohn geschickt. Um uns aus unseren Zwängen, aus unserer Schuld, vom Tod zu befreien ist dieser am Kreuz gestorben und vom Tod auferstanden.
In ihm hat Gott uns alles geschenkt. Nichts kann uns von ihm trennen.
Und Paulus kann selbst nur staunen, über das, was er da schreibt: Gott liebt uns so sehr, dass er uns nicht uns selbst überlässt, sondern uns vor uns selbst befreit.

Paulus schreibt: Ihr seid befreit, deshalb könnt ihr auch als Befreite handeln. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Aber Ihr seid nicht tot, sondern lebendig. Ihr müsst nicht das tun, was alle machen, ihr dürft selbst denken und das tun, was gut ist, und was Gott gefällt und was vollkommen ist.
Vollkommenheit strebt an, aber keine Angst, überfordert euch nicht. Ihr müsst nicht alleine vollkommen sein. Gott, der euch geschaffen hat, er kennt eure Grenzen.

Paulus schreibt: Überfordert euch nicht. Nicht jeder kann alles machen, nicht jeder muss alles für sich allein machen.

Paulus ist ein wunderbarer Seelsorger. Er selbst weiß, wie es ist, an Grenzen zu stoßen – und das immer wieder. Und er weiß, wie bitter das ist. Und so schreibt er:

Erkennt eure Grenzen, aber grämt euch darüber nicht. Dafür könnt Ihr anderes. Und er nennt so viel Verschiedenes:

Die eine kann gut lehren und andere an ihrem Wissen teilhaben lassen, jemand anderes ist voller Empathie und versteht es, auf andere einzugehen und zu trösten. Eine ist super organisiert und hat den Überblick, wieder jemand anderes ist wahnsinnig kreativ und sprudelt nur so von Ideen, ein weiterer sieht, wo Not am Mann ist und packt mit an, und eine weitere gibt ihr letztes Hemd, um anderen zu helfen.

So viel verschiedene Menschen. So viel verschiedene Gaben.
Aber wie oft wäre ich gerne jemand anderes. Wie oft schaue ich neidisch darauf, was jemand anderes kann. Dabei fällt dem anderen vielleicht genau das schwer, was mir leicht fällt und das ich als selbstverständlich ansehe.

Paulus sagt: Schaut lieber auf das, was Ihr könnt und wo Ihr andere bereichert. So ein Perspektivwechsel befreit.

Unsere Jahreslosung aus dem Lukasevangelium (Joachim Knitter hat am letzten Sonntag dazu eine Andacht verfasst) spricht auch von Gottes Barmherzigkeit und unserer Barmherzigkeit:

Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. (Lk 6,36)

Barmherzigkeit bildet die Klammer dieses Textes. Gottes Barmherzigkeit (hier übersetzt mit Mitgefühl) ist die Grundlage dessen, was Paulus hier schreibt.

Einspieler: Jesus ist Kommen (Klavier)

Und was er davon ableitet, ist eine doppelte Barmherzigkeit in unserem Handeln:
Eine Barmherzigkeit anderen gegenüber und deren Unzulänglichkeiten, aber auch eine Barmherzigkeit mir selbst gegenüber, gegenüber all dem, was mir nicht gelingt, wo ich Fehler gemacht habe und ich mit mir unzufrieden bin.

Und er lehrt Gelassenheit im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Niemand muss von sich verlangen, was anderen gegeben ist. Vielmehr wir können darauf vertrauen, dass es andere gibt, die das beisteuern, was ihnen geben ist.

Das ist in der Kirchengemeinde so, das ist in der Familie so, eigentlich immer da, wo Menschen zusammenleben und arbeiten. Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber, kann da helfen.

So viele unterschiedliche Gaben,
Und weil das Gottes Gaben sind, gibt es kein Ranking, nichts was irgendwie wichtiger ist als anderes. Manchmal ist das eine gefragt, dann wieder das andere. Es gibt nicht die Fähigkeit, die über allem steht.

Wenn Paulus etwas betont oder hervorhebt, dann das, was er als Letztes nennt:

Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.

Oder, wie man auch übersetzen kann: Wer Barmherzigkeit übt, tue es heiter und fröhlich.

Barmherzig gegen sich selbst und gegen andere.
Wenn ich das weiß, kann ich mir selbst und anderen gegenüber barmherzig sein und das fröhlich und heiter.

Hans Dieter Hüsch hat das wunderbar formuliert:

Ich bin vergnügt
erlöst
befreit
Gott nahm in seine Hände meine Zeit.
Mein Fühlen Denken
Hören Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen
Das Elend
Und die Zärtlichkeit

Barmherzigkeit uns und anderen gegenüber braucht es gerade auch in diesen Tagen, in denen so viel anderes ist, manche Nerven blank liegen und die Leichtigkeit fehlt.
Und wahrscheinlich brauchen wir sie auch dann, wenn diese Pandemie einmal zu Ende ist.

„Wir werden uns dann einiges zu verzeihen haben“, das ist schon richtig.

Bis dahin bewahre uns und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft.

Amen

 

Wenn Sie über diese Andacht ins Gespräch kommen möchten..Gerne!

Pfarrer Matthias Lenz erreichen Sie unter

eMail M.Lenz@ev-kirche-siegburg.de