Tu, was dran ist! - Predigt 15.03.2020

  • erstellt 17.03.2020
  • aktualisiert 19.03.2020

Predigttext Sonntag, den 15. März 2020: Lukas 9, 57-62 Nachfolge lässt sich nicht aufschieben

(Tu was heute dran ist – und wozu Gott dich ruft!)

Lukas 9, 57-62: Vom Ernst der Nachfolge

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.

62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 

Der Friede Gottes sei mit Euch allen. Amen.

 

Liebe Geschwister,

„Wo immer es möglich ist – verzichten Sie auf Sozialkontakte!“

Was die Kanzlerin uns - im Einvernehmen mit allen Empfehlungen der Gesundheitsbehörden - da vorgestern ins Buch geschrieben hat ist radikal! Weniger geht nicht!

Messen, Parteitage, Bundesligaspiele…. das waren schon herbe Entscheidungen. Aber nun ist unser ganz persönliches Leben betroffen – auch unser Gemeindeleben. Alle geplanten Termine zurückstellen. Zuhause bleiben. Alles absagen, was nicht unbedingt sein muss, d.h. was nicht lebensnotwendig ist... Das ist kompromisslos! Und tut weh!

Aber fast jeder versteht es. Stimmt unmittelbar zu. Denn: Hier müssen wir handeln – ohne Rücksicht auf eigene Pläne. Das ist HEUTE dran!

Es ist fast unheimlich wie der heutige Predigttext und die aktuelle Situation zusammentreffen. Alle Alarmglocken klingeln, wenn man Jesus zuhört: Abbruch aller sozialen Bindungen – noch nicht mal von der Familie verabschieden darf man sich. Nicht im Leben und nicht am Grab!

Weniger geht nicht!

Was Jesus hier verlangt scheint allem zu widersprechen, was uns im Gemeindeleben wichtig ist: Gemeinschaft pflegen, Wertschätzung als Gottes Kinder erfahren und weitergeben, Fürsorge üben, in Würde Abschied nehmen…

Jesus begegnet den Menschen, die ihm folgen wollen radikal.

Er erscheint mir geradezu schroff, ablehnend – ja, pietätlos!

Als Beziehungskiller!

War das denn falsch, was wir jahrtausendelang als Kirche gelebt haben? Wenn wir Heimat gegeben, Barmherzigkeit geübt, Tote bestattet und Beziehungen gepflegt haben?

Wir haben es hier mit einer der herzlosesten Passagen in der Bibel zu tun – und das kann ich nicht mit einem Schulterzucken abtun nach dem Motto: `Ich kann mir im Leben nicht alles aussuchen` oder: `Passion macht halt keinen Spaß.`

Ich habe mich gefragt, was - bei allem spontanen Widerspruch - der Kern dieser gruseligen Dialoge ist; und bin zu dem Ergebnis gekommen:

Es ist keine Anweisung, die ich wörtlich nehmen soll!

Sondern es ist eine Warnung, das ich genau hinschaue (Okuli!):

Und mich frage: Was ist HEUTE das Wichtigste!?

Was ich von Jesus höre ist:

Nachfolge lässt sich nicht aufschieben!

Soll heißen:

Tu das, was HEUTE dran ist – und wozu Gott dich ruft!

 

In der aktuell bedrängenden `Coronakrise` sagt mir das auch: Binde Dich innerlich nicht immer an das, was jetzt alles nicht mehr geht! Jammere nicht über das, was sich damit verändert: Was Du eigentlich geplant hattest, wie schön es gewesen wäre, wenn…Hätte, hätte, Fahrradkette.

Stattdessen gilt: Tu das, was HEUTE dran ist und wozu Gott dich ruft!

Hier gilt als Haltung ein Wort, das unser Bundesfinanzminister Olaf Scholz diese Tage in den Mund, als er sagte: „Nicht kleckern, sondern klotzen.“ Kante zeigen. Klare Linie. Ernst machen mit dem, was ich als richtig erkannt habe.

Jesus folgen, bedeutet für mich dabei NICHT alles wörtlich zu nehmen! Sondern vielmehr dem Geist zu folgen, der in seinem Wort steckt. Denn Nach-Folge ist ja nicht einfach Nach-Ahmen! Das machen mir die drei Situationen im Predigttext klar: Wörtlich nehmen hieße in

Fall 1: Obdachlosigkeit akzeptieren

Einer kommt mit besten Absichten zu Jesus: „Meister, ich komme mit, wo immer du hingehst!“ … und dann wird er weggeschickt. Warum?

Jesus sagt ihm: „Ich habe gar nichts wo ich hingehe. Selbst die Tiere haben eine Höhle, die Vögel Nester…aber ich? Ich habe kein Bett…“

Will er ihm sagen: „Wer mir folgt, muss die Obdachlosigkeit akzeptieren. Und wie ich Dich einschätze: Obdachlos – das schaffst du nicht! Du weißt gar nicht, was es bedeutet mir zu folgen. Also lass es lieber.“!?“

Das wäre z.B. wörtlich verstanden.

Doch der Kern seiner Antwort ist keine Ablehnung, sondern eine Warnung:

 

Wenn Du mir folgst ist es anders, als Du Dir vorstellst.

Du musst bereit sein, Dinge aufzugeben!

Prioritäten werden sich verändern!

Du lernst Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

 

Das ist der Geist des Wortes!

Fall 2: Pietätlosigkeit hinnehmen

Jesus fordert jemand auf ihm zu folgen – der ist auch nicht abgeneigt – will – und MUSS aber – vorher noch seinen Vater beerdigen. So wie es Würde und Anstand gebieten. Soll er aber nicht, sagt Jesus. Das sollen die anderen Toten machen. Die, die schon lebendig so gut wie tot sind.

Das ist eine der unbarmherzigsten und krassesten Aussagen der ganzen Bibel: Die, die ihre Liebsten begraben sind selber tot!? Wird das dem Mann gerecht, der doch nur seinen Vater beerdigen will?

Nicht zu beerdigen…unvorstellbar! Das wörtlich zu nehmen wäre Barbarei.

Doch Jesus ist kein Barbar. Vielmehr ist er ein wirklich guter Lehrer – der hier über alles Maß provoziert – vermutlich, damit man den Kern wirklich kapiert! Und das ist die Botschaft:

 

Nachfolge kannst Du nicht verschieben.

Sie beginnt immer JETZT. HEUTE.

Wenn Du Jesus folgen willst – dann folgst Du keinem Terminplan. Nachfolge ist eine Lebenshaltung. Eine Geisteshaltung.

 

Fall 3: Spurlos Verschwinden

Wieder hat jemand Sympathie für Jesus – er will nur schnell noch seiner Familie Bescheid sagen, dass er nicht wiederkommt. Die würden sich sonst sicher Sorgen machen. Aber auch hier hören wir: Nein, Nachfolge duldet keinen Aufschub: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Wörtlich nehmen hieße in dem Fall, die eigene Familie mit voller Absicht in Traumata zu stürzen: Vermisst seit… Unauffindbar…vielleicht kein Verbrechen, sondern nur eine Sekte?

Nein, so kann und will ich Jesus nicht verstehen! Das ist unmöglich! Passt zu keinem der Aufträge, die Jesus uns für unser Miteinander gegeben hat.

Vielmehr höre ich darin:

Binde Dich nicht innerlich an das, was nun vorbei ist.

Wer sich an Gott bindet, entbindet sich auch von anderem.

Bleibe dran am lebendigen Gott – nicht am Gestern!

Wo immer es möglich ist, verzichten Sie auf Sozialkontakte!“

Diese Bitte kann ich als dringende Empfehlung für Pandemiezeiten verstehen und finde sie angemessen. Aber: Es ist keine Anweisung für unsere Grundhaltung im Miteinander nach dem Motto: Nach mir die Sinflut! Nein, so leben wir nicht – und so sollen und wollen wir nach Jesu willen nicht leben.

Unsere christliche Gesellschaft soll nicht a-sozial sein. Und die Kirche ebensowenig. Gemeinde soll es weiterhin zu ihren wichtigsten Aufgaben zählen Menschen zu Neuanfängen und -Aufbrüchen zu ermutigen, Tote zu bestatten und Beziehungen zu pflegen. Aber dabei dem Geist Jesu folgen:Tu das, was HEUTE dran ist und wozu Gott dich ruft!

Ja, was ist denn heute dran? Wozu ruft mich Jesus heute?

Als wir am Donnerstagabend die Entscheidungen für alle Absagen in der

Gemeinde getroffen hatten und im Laufe des Freitags dann die Entscheidung

für Schulschließungen kamen, da war dies die Tageslosung:

Einer trage des anderen Last!

So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Galater 6, 2

 

Das bedeutet für mich in diesen Tagen: Vorsicht aus Rücksicht gehört dazu.

Rücksicht auf die Gefährdeten: Alte Menschen, Chronisch Kranken… für die das Virus lebensbedrohlich werden kann. Um ihnen nicht zur Last zu werden. Wir verzichten auf menschliche Begegnungen, trennen uns von Selbstver- ständlichen und tragen dadurch zur Sicherheit anderer bei.

Also nicht einmal in die Kirche gehen? Ja, auch das kann das künftig

heißen. Denn das Wort Gottes kann man überall teilen – auch am Küchentisch.

Und in digitalem Zeitalter sollte uns doch etwas einfallen – auch bei leeren Kirchen –

oder? Unsere Superintendentin, Almut van Niekerk, schrieb uns dazu:

Die Last des anderen zu tragen – das heißt aber auch, als Kirche weiterhin für die Menschen präsent zu bleiben. Gerade jetzt.…

Kirche bleibt offen. Wir Seelsorgerinnen und Seelsorger sind ansprechbar. Pfarrerinnen und Pfarrer sind voll und ganz und uneingeschränkt im Dienst. Die Kirche bleibt – auch über Telefon und digitale Medien. Sie ist Anker in turbulenter Zeit. Das zeigt sich auch darin, wie Gemeindeglieder miteinander umgehen. Es gibt so viele Gelegenheiten für Unterstützung: für andere einkaufen, die sich wegen ihres Gesundheitszustands nicht im Supermarkt aufhalten sollen; jemanden anrufen, dem das Alleinsein zu viel wird; sich aktiv digital als Gemeinde vernetzen, um Gemeinschaft erlebbar zu machen. So können wir die Last des anderen mittragen, es für alle leichter machen und der Pandemie samt ihren vielen Auswirkungen etwas von der Wucht nehmen.“

Also: Legen wir die Hand an den Pflug!

Lassen wir, was zu lassen ist und tun wir, was dran ist!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen, der halte unsere Herzen und Sinne bei Jesus Christus unserem Herrn. Amen.

 

Wenn Sie über diese Predigt ins Gespräch kommen möchten..Gerne!

Pfarrerin Ruth Wirths erreichen Sie unter

Telefon 02241 / 16 26 892

eMail R.Wirths@ev-kirche-siegburg.de