Karfreitag: Schwarz oder weiß?

  • erstellt 10.04.2020
  • aktualisiert 10.04.2020

 Was ein Schachbrett und der Karfreitag gemeinsam haben - oder auch nicht!

Kantorin Katrin Wissemann (siehe auch: "Kirchenmusik") hat zur Begleitung zwei Stücke eingespielt, die wir für Sie eingebettet haben, eins zu Beginn und eins gegen Ende - einfach auf "Play" drücken... 



Diese Woche im Bergischen Land: Es ist strahlender Sonnenschein und die gerade beginnende Karwoche wirkt fast österlich. Dankbarkeit macht sich breit. Da lese ich im Vorbeigehen auf einer kleinen Schiefertafel am Haus: `Das Leben ist wie ein Schachspiel - weiß und schwarz: Weiß  das Leben, schwarz der Tod; weiß beginnt und schwarz gewinnt.`


Ich protestiere innerlich und denke: Nein – das ist nicht mein Glaube! Doch der schönste Sonnenschein hilft mir nicht  diesen Spruch zu vergessen. Er bleibt hängen – wie ein schlechter Geschmack auf der Zunge. 
Und ich muss mir eingestehen: Genau so fühlt es sich gerade an. Die meisten Bilder dieser Tage scheinen sich nur auf den schwarzen Feldern zu bewegen. Schon Ende März bekam ich eine Gänsehaut, als ich die Militärkonvois zum Transport der vielen Leichen in Italien sah…und das war ja erst der Anfang. Diese Woche dann Berichte über auf Vorrat ausgehobene Gräberreihen in Brasilien und über Friedhöfe, die keine Grabstätten mehr haben. Dazu Bilder von Intensivstationen und Nachrichten von ersten Todeszahlen in Altenzentren. `Das Sterben ist einsamer geworden` sagte ein Bestatter aus Neukölln.
Sicher: Wir halten wir uns offenbar  überwiegend vorbildlich an die Regeln und ernten Dank von der Kanzlerin und unserem Gesundheitsminister; die statistischen Kurven zeigen erste Erfolge und die Richtigkeit der getroffenen Maßnahmen. Und doch ist es ja kein Spiel um richtig oder falsch; sondern eher ein brutal realer Wettlauf – ein Wettlauf, ob schwarz gewinnt...


Ja, diese Karwoche ist anders als alle, die wir bisher erlebt haben. Die Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu – rückt uns dabei näher als je zuvor.


„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts finde ich keine Ruhe.
Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile mir zu helfen.“

(Psalm 22, 2-3+20)


Jesus selbst betet so, ruft und klagt in seiner Verzweiflung am Kreuz: Gott - Warum? Der Psalm des Karfreitags spricht mir aus der Seele. Es ist genug, Gott. Es reicht! Das Corona-Virus hat genug Schaden angerichtet; wir können die Ungewissheit nicht länger ertragen; eine Perspektive muss her! Hoffnung für die, die am Ende sind. Gott, sieh doch hin. Ganze Existenzen sind bedroht, Tausende warten in den Flüchtlingslagern auf Hilfe, Menschen müssen alleine sterben...und wir mittendrin, oft ohnmächtig. Was können wir tun?

Eins ist klar: Weggucken hilft nicht. Auch nicht angesichts des Todes. Darum will ich nicht aufhören Gott  wie dieser Psalmbeter in den Ohren zu liegen: Gott, ich rufe….hörst Du mich?
Ich wünschte nur die Antworten kämen deutlicher… und unmittelbarer. Oder suche ich sie an der falschen Stelle? Welche Antwort hat der Karfreitag für mich?

Die Erfahrungen dieser Wochen - sowohl die von Angst und Bedrohung, aber auch die von tatkräftiger Liebe und Solidarität - passen zum Leiden und Sterben von Jesus. Es ist ein Leiden, das von der Ohnmacht erzählt und ein Sterben, das zugleich von der Liebe singt.
Letzte Worte sind meist gewichtig - Leben und Botschaft verdichten sich in ihnen. So auch bei Jesus. Und jeder seiner Freunde hat ein anderes Wort von ihm behalten – vielleicht das, was jedem persönlich wichtig war. So finden sich ganz unterschiedliche letzte Worte, die Jesus am Kreuz gesprochen haben soll.

Matthäus und Markus erinnern sich an das  Recht klagen zu dürfen: "Mein Gott, mein Gott - warum hast du mich verlassen?" (Mt. 27,46 / Mk.15, 34) Lukas an die Kraft zur Vergebung.: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." (Lk. 23, 34)  Worte eins Unschuldigen, eines Mannes der Opfer einer religiös-politisch motivierten Intrige wurde. Und schließlich erzählt Johannes von der Verantwortung füreinander – dem letzten Auftrag des sterbenden Jesus: Seiner Mutter vertraut er einen seiner Freunde an und sagt: "Frau, siehe, dein Sohn!“ Dem wiederum die Verantwortung für seine Mutter: „Siehe, das ist deine Mutter!" (Joh.19, 26-27)

Alle wussten: Jesus wurde unschuldig verurteilt. Das Leid ist ohne jede Schuld über ihn gekommen. Niemand kann dem schwarzen Feld eine Logik geben. Ebenso wenig wie wir einen Schuldigen in der Corona-Krise ausmachen können. Doch das Leid ist da. Und nicht zu beschönigen. Weiß und schwarz – ja, beide Erfahrungen gehören zum Leben.
Doch in dem Leiden ist Jesus da als ein Mensch, der klagt, vergibt und uns aufeinander verweist! Da singt der Tod vom Leben, vom Neuanfang – da spricht auch das einsame Sterben von der Liebe! Da wird alle Schuld von der Liebe besiegt.

Unter diesem Kreuz kann ich aufatmen! Ich muss nicht verstummen, ich darf klagen und Gott in den Ohren liegen. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern die Vergebung. Nicht der Abschied, sondern die Liebe! Nicht das Wegschauen, sondern die Verantwortung füreinander!

Und  Jesus zeigt mir, was mich im Leben und Sterben trägt: Das radikale Vertrauen in Gott!

Ob die Freunde das geschafft haben? Als sie vom Kreuz und später vom Grab weggingen? Jesus hatte sein Sterben immer wieder angekündigt – verbunden mit dem Versprechen: Nach drei Tagen werde ich auferstehen! Aber drei Tage sind lang…. und unser Glaube ist klein. Gottvertrauen ist manchmal auch eine harte Geduldsprobe. Ich muss auf unsichtbare Kräfte vertrauen – meine Perspektive „Ich glaube nur, was ich sehe!“ ändern.

Im Fastenbegleiter von „Andere Zeiten“ lese ich dazu eine eindrückliche Geschichte von Oliver Spiess; sie trägt die Überschrift „Gehen lassen“: „Und jetzt kommt das Wichtigste!“, sagte meine Großmutter beim Backen früher oder später. Meistens kamen diese Worte, wenn sie aus der Schublade ein sauberes Geschirrtuch holte, es ein wenig anfeuchtete und dann über die große Rührschüssel mit dem Hefeteig legte. „Und jetzt kommt das Wichtigste!“ Und obwohl wir als Kinder längst wussten, was es war, schauten wir sie immer fragend an und sie sagte: „Nix! Gehen lassen!“ und wuchtete die Schüssel zur Seite. Ich kann mich noch genau erinnern, dass dieser Moment mich faszinierte: Wie konnte „Nix! Gehen lassen!“ das Wichtigste sein, wo der Teig bis jetzt so viel Arbeit gemacht hatte.“


So möchte ich auf Ostern zu gehen. Voller Vertrauen auf das Wunder des Neuanfangs - und auf das Ende dieser Krisenzeit. Vor allem mit der Bitte, dass Gott uns beim Warten Geduld und Gelassenheit schenkt.  Ja, es stimmt – eine Pandemie kennt keine Feiertage. Und das Leben erscheint oft wie ein Schachbrett. Aber der Vergleich hinkt! Denn ich glaube: Weiß beginnt und schwarz hat nicht das letzte Wort!

Ich glaube an Jesus Christus…auferstanden von den Toten! Das bekennen wir!

So kommen wir immer von Ostern her… und leben auf Ostern hin. In diesem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Gott behüte Sie!

Ihre
Pfarrerin  Ruth  Wirths

Wenn Sie über diese Andacht ins Gespräch kommen möchten..Gerne!

Pfarrerin Ruth Wirths erreichen Sie unter

Telefon 02241 / 16 26 892

eMail R.Wirths@ev-kirche-siegburg.de