Quasimodogeniti 2020, Predigt zum 19.04.

  • erstellt 18.04.2020
  • aktualisiert 18.04.2020

Kantorin Katrin Wissemann (siehe auch: "Kirchenmusik") hat zur Begleitung zwei Stücke eingespielt, die wir für Sie eingebettet haben, eins zu Beginn und eins gegen Ende - einfach auf "Play" drücken...

Da sind die Israelitinnen und Israeliten im Exil, müde und abgeschafft, mit hängenden Köpfen. 
Lange, viel zu lange dauert das nun schon an. Und noch immer ist kein Ende in Sicht: Dass sie wieder heim können, nach Hause, in die Heimat, in die Normalität.

In diese Situation hinein spricht der Prophet:

26 Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: «Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber»? 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jesaja 40,26-31)

Müde und am Ende mit meinem Kräften – das kenne ich dieser Tage nur zu gut. Dabei ist es bei mir nur der Umzug unter Coronabedingungen, der mir in den Knochen steckt. Und dann denke ich: Was ist das gegenüber denjenigen, die gerade Tag für Tag für andere an ihre Grenzen gehen, die Erkrankten und ihre Angehörigen, die Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte und allen voran, die Trauernden. Aber auch die anderen, deren Alltag gerade auf den Kopf gestellt wird, die neben Homeoffice auch noch die Kinder betreuen, diejenigen, die sich Sorgen machen müssen um die Zukunft, weil sie ihr Geschäft schließen mussten, auf Kurzarbeit sind oder als Kreative nicht auftreten können. Erschöpfung und Müdigkeit allenthalben angesichts der Frage: Wie lange geht das noch?

Auch zu uns spricht der Prophet:

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden… die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft.

Dabei fällt mir auf, wie sich der Prophet an uns wendet:

Hebet eure Augen in die Höhe und seht!

Die Ansprache beginnt mit einer Aufforderung, der Aufforderung zu sehen: Der Blick, der sich kraftlos zum Boden richtet, soll sich heben, aufblicken und sehen, über den Tellerrand hinaus, über den Horizont hinaus.

Mein Blick geht hinaus aus dem Fenster in das Grün und den blauen Himmel, sieht die Vögel im Garten: Tauben und Sperlinge, Meisen und Amseln.

Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Der Herr der Schöpfung ist der, der Leben schenkt, erhält und neu schafft.

Quasimodogeniti heißt der heutige Sonntag. „Wie die neugeborenen Kinder“, ein Vers aus dem 1. Petrusbrief gibt dem Sonntag den Namen. Wie neugeboren fühle ich mich nach ausreichendem Schlaf, kaltem Wasser im Gesicht, einer frischen Dusche, einer Schale Cappucchino und einem ruhigen Moment, in dem ich nicht gleich in Aktivität verfallen muss. Quasimodogeniti. Und wenn ich dann raus kann in die Natur, in den Garten, in den Wald, und mein Blick sich in den Himmel hebt und ich sehe: All das hat Gott geschaffen.

Eine Woche ist es her, dass wir Ostern gefeiert haben, das Fest der Neuschöpfung am 8. Tag der Schöpfung. Der, der tot gesagt war, lebt. Er, der im Grab war, blieb nicht dort.

Hebet eure Augen in die Höhe und seht!

Ostern ist ein Fest des Sehens (und Hörens), des richtig Hinsehens, des Erkennens, dass es wie Schuppen von den Augen fällt: all die Geschichten, die wir in diesen Tagen hören, die Geschichte der Emmausjünger (Lukas 24,13-33), die an einer Geste in dem Begleiter den Auferstandenen erkennen, die Geschichte vom ungläubigen Thomas (Johannes 20,24-30), der erst glaubt, als er die Hände in die Wunden legen kann, und die Geschichte am See Tiberias, als die 7 Jünger an dem Fischzugwunder Jesus erkennen. All das sind Geschichten des Sehens und Erkennens und der Veränderung. Trauernde werden zu Verkündern der Auferstehung. Der Zweifler wird zum Bekenner. Der Gescheiterte bekommt einen neuen Auftrag.

Und die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Es ist eine Zusage zum langen Atmen, eine Zusage der Kraft und des Durchhaltevermögens und die Zusage, dass es ein Ende und einen neuen Anfang gibt.

Nicht die Kraft eines Sperlings oder einer Taube, die ich im Garten sehe, sondern die Kraft des Adlers, der sich in höchste Höhen emporschwingt.

Wir wissen nicht, wie lange diese besondere Zeit und Situation noch andauert. Bei uns soll es nun Lockerungen geben und Ansätze von Normalität. Aber andernorts ist der Höhepunkt noch lange nicht erreicht oder es beginnt erst. Ausdauer und Kraft werden wir auf jeden Fall noch benötigen.

Aber unser Blick geht über den Horizont hinaus. Deshalb harren wir auf den, der uns Kraft schenkt, jeden Tag neu.

 

Wenn Sie über diese Andacht ins Gespräch kommen möchten..Gerne!

Pfarrer Matthias Lenz erreichen Sie unter

eMail M.Lenz@ev-kirche-siegburg.de